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„Kein Schwein ruft mich an / Keine Sau interessiert sich für mich / So lange ich hier wohn‘, ist es fast wie Hohn, schweigt das Telefon.“ So singt Max Raabe leicht schmalzig-schmachtend vor seinem Palast Orchester. Leichte Unterhaltung mit einem Hauch der goldenen Zwanziger. 

Heute, zu Beginn der Zwanziger dieses Säkulums, geht es wieder um Schmalz im weitesten Sinn.  Nur müsste der Text jetzt heißen „Keiner interessiert sich für diese Sau.“ Und das in zweifacher Hinsicht:

Zum einen interessieren niemanden die 16,7 Millionen Schweine, welche die Firma Tönnies 2019 geschlachtet hat. Damit ist sie mit einem Marktanteil von 30,3 Prozent und 7,3 Mrd. Euro Umsatz (+ 9,8% ggü. 2018) der mit Abstand größte Anbieter in Deutschland. Der zweitgrößte Konzern, Westfleisch mit Sitz in Münster, schafft es mit vergleichsweise bescheidenen 7,7 Mio. geschlachteten Schweinen „nur“ auf einen Anteil von 14 Prozent. Hier zählt, so scheint es, Masse statt Klasse! Tierwohl ist da eher fraglich.

Zum anderen stehen auch die „armen Schweine“ aus Osteuropa außerhalb des öffentlichen Interesses, die – von Subunternehmern ausgebeutet – für die Akkordarbeit in den Schlachtereien als Werkarbeiter ausgeliehen werden. Offizieller Stundenlohn 8,75 Euro – mindestens 1.500,00 Euro brutto. So heißt es zumindest offiziell. Inwiefern bei der Erfassung der Arbeitszeiten getrickst wird, steht auf einem anderen Blatt. Auch, dass diese Arbeiter die Kosten für ihre Werkarbeiterwohnung gleich vom Lohn abgezogen bekommen. Zwischen 200 und 300 Euro pro Person, zu fünft,  zu sechst, zu siebt in einer kleinen Wohnung. Da kostet dann eine 60qm-Wohnung, belegt mit sechs Arbeitern, 1.500,00 Euro. Oder 25,00 Euro je Quadratmeter. Das sind knapp sieben Euro mehr als der Mietspiegel für München für Wohnungen in vergleichbarer Größe ausweist. Diese Ausbeutung und diese Zustände sind seit langem bekannt – doch so lange ich hier wohn‘, ist es fast wie Hohn, schweigt das Telefon. Sprich: Es wurde kaum etwas dagegen unternommen.

Die SPD wollte schon in den Koalitionsverhandlungen 2013 das Auslagern von Arbeiten durch Werkverträge mit Drittfirmen erschweren. Die Union mit ihrem Wirtschaftsrat, der Mittelstandsvereinigung und dem Parlamentskreis Mittelstand der Union blockte sofort ab.

Doch nun hat die Corona-Pandemie, der Ausbruch bei Tönnies mit inzwischen mehr als 1.550 bestätigten Fällen, das ganze Drama und die Zustände in der Fleisch verarbeitenden Industrie zu offensichtlich werden lassen. Wie schon im Gesundheits- und Bildungssektor, beim Katastrophenschutz oder im Bereich der Digitalisierung werden nun Fehlentwicklungen offenbar und in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit gerückt. Eine solche Vielzahl an Erkrankten, Tausende von Menschen in Quarantäne, zum Teil in ihren Unterkünften eingezäunt und von Hundertschaften der Polizei abgeschirmt – und einen drohenden erneuten Lockdown im Landkreis Gütersloh. All das lässt sich nicht unbemerkt „abarbeiten“.

Doch wer ist nun Schuld an dieser Situation? Hier wird dann – wie so oft – „Schwarzer Peter“ gespielt. Der „schwarze Armin“, seines Zeichens Ministerpräsident von NRW, hatte Angst, dass man seine zügigen Lockerungen nach dem Lockdown verantwortlich macht und gab die Verantwortung – ethnisch aufgeladen – ebenso zügig weiter: Der Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück sei entstanden „weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt.“ Schuld seien also die Ausgebeuteten, die eh schon ganz unten in der Hierarchie stehen. Die entrüsteten Reaktionen bis hin zu diplomatischen Verstimmungen mit Bulgarien ließen nicht lange auf sich warten. Zu Recht. 

Ist Clemens Tönnies an allem schuld? Der auf Gewinnmaximierung aus ist und dafür unter Zuhilfenahme von Subunternehmen Osteuropäer billig für sich schuften lässt? Das wäre naheliegend. Oder macht er nur das, was alle tun, im Rahmen des rechtlich Möglichen? (Andere manipulieren eben Abgaswerte für mehr Profit).

Sind die Subunternehmer die Übeltäter, die diese Menschen als moderne Arbeitssklaven in zum Teil heruntergekommene Wohnungen oder Zimmer pferchen, in welchen einfach keine Abstände eingehalten werden können? Die sie regelrecht ausbeuten und bei jeder Gelegenheit über den Tisch ziehen?

Oder „die Politik“? Die rechtliche Rahmen geschaffen hat, die so etwas ermöglichen. Zumindest aber nicht genug unternimmt, diese Auswüchse einzudämmen. Immerhin geht es um Wirtschaftswachstum, um Steuereinnahmen und Wohlstand (zumindest für uns) – oder auch die eine oder andere Spende an die Partei. So spendet der Tönnies-Konzern beispielsweise regelmäßig an die CDU.

Tragen am Ende wir alle – als Verbraucher – mit unserem Kaufverhalten eine Mitschuld und zu den skandalösen Zuständen bei? „Geiz ist geil“ gilt anscheinend auch für Lebensmittel. Und wenn das Kilo Schweinehack am Ende für 3,99 Euro über den Kassenscanner wandern soll, darf das Schlachten eines Schweines eben nur die 1,50 Euro kosten, die es im Industriebetrieb kostet. Auf der anderen Seite können sich viele prekär Beschäftigte, ALG-II-Empfänger, Studierende oder Rentner eben auch nur diese Billigwaren leisten. Oder dürfen diese Menschen das dann nicht mehr essen? Umgekehrt stellt sich natürlich schon die Frage, ob wir wirklich alle im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr brauchen oder ob nicht weniger tatsächlich mehr wäre. Aber Verzicht war schon immer unangenehm – vor allem, wenn man selbst damit anfangen soll. Da möchte ich mich selbst gar nicht ausnehmen.

Julia Klöckner hat Recht, wenn sie twittert: „Fleisch ist zu billig. Ramschpreise an der #Theke geben nicht den Wert wieder. Denn Tiere wurden dafür geschlachtet, das sollten wir uns immer bewusst machen. Kleine #Schlachthöfe kennt man kaum noch vor Ort, weil die Konzentration auf wenige Große zugenommen hat.“ Leider ist diese Aussage alles andere als glaubwürdig, wenn man bedenkt, dass sie sich – immerhin als Bundesministerin für Ernährung (!) und Landwirtschaft wohl in einer von „Kaufland“ gesponserten und von der „BILD“ gesendeten Kochshow nicht einmal sieben Wochen vor diesem Post genau für dieses Billigfleisch verwendet hat.

Das Problem ist jedenfalls deutlich vielschichtiger als man im ersten Moment vermuten mag. Jeder der Genannten trägt seinen Teil zur aktuellen Situation bei. Gefragt sind jetzt deshalb alle: Wir als Verbraucher, die Industrie, die Politik. Wir alle müssen uns überlegen und offen diskutieren, ob es einfach so weitergehen kann, darf oder soll. Oder ob wir gerade in der Lebensmittelproduktion andere Wege einschlagen müssen. 

Das öffentliche Interesse wäre jetzt zumindest gegeben.

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