Coronavirus Covid  Pandemic
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Die Krisen reißen seit März 2000 nicht ab: Die Dotcom-Krise. Die Subprime-Krise. Die Vertrauenskrise im Bankensektor. Ab 2008 eine weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, welche in der Folge für einzelne Staaten zur Staatsschuldenkrise auswuchs. 2015/2016 folgt die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Heute stehen die Flüchtlinge an der griechischen Grenze und fast die gesamte Welt sieht sich mit der Bekämpfung des Corona-Virus konfrontiert. 

Ist also nach der Krise vor der Krise? Ist alles wie immer? Nein, diesmal ist es anders. 

Die Corona-Krise wird uns, unsere Gesellschaft und die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft vor ganz neue Herausforderungen stellen. Stand heute, 20.03.2020, sind 183 Nationen betroffen, 258.417 bestätigte Fälle sind weltweit registriert. Nicht nur in Deutschland versuchen wir den exponentiellen Anstieg der Fallzahlen zu durchbrechen. Auch weil persönliche Egoismen zu oft über die allgemeine Vernunft siegen, müssen Maßnahmen ergriffen werden, durch welche das öffentliche Leben in immer mehr Ländern in weiten Teilen zum Erliegen kommt. Das ist der erste Unterschied.

Der zweite ist ein psychologischer Aspekt: Die Frage, wie es den Flüchtlingen ergeht, war und ist für viele Menschen weit weg. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hatte vor allem ökonomische Folgen. Die jetzige Ausnahmesituation bedroht im schlimmsten Fall Leib und Leben – und ruft bei den Menschen verständlicherweise in einem ganz anderen Ausmaß Sorgen und Ängste hervor. Hysterie, Panik, Ignoranz, Lethargie oder irrationales Verhalten sind oftmals die Folgen, was neue Probleme schafft und das Eindämmen der Virusverbreitung zusätzlich erschwert.

Neu ist auch, dass – anders als bei früheren Krisen – nun unmittelbar oder mittelbar alle betroffen sind: egal, ob Soloselbstständiger oder internationaler Konzern. Egal, ob Ballungszentrum oder ländlicher Raum. Egal, ob wirtschaftsstarke oder -schwache Region. Galt es bei der Finanzkrise die Konzerne und Banken zu stützen, welche „too big to fail“ gewesen sind, geht es nun um Hundertausende Existenzen der so genannten „kleinen Leute“. Es geht um den Gastwirt, die Künstlerin, die Nageldesignerin, den Blumenhändler, den Diskothekenbetreiber usw. – und immer auch um deren Angestellte.

Der Deutsche Aktienindex (DAX) ist seit 19. Februar um fast 40 Prozent gefallen, der Wertverlust geht in die Milliarden. Anders als bei der Wirtschafts- und Finanzkrise helfen Rettungsschirme und Bürgschaften nur bedingt. Das mag bei Banken und großen Konzernen greifen, den kleinen Unternehmen nützen sie nichts. Sie brauchen dringend liquide Mittel, um ihre laufenden Kosten zu decken. Eine Stilllegung des Betriebs, der kurzfristige Wegfall des kompletten Einkommens, lässt sich anders nicht decken. Die von Bund und Ländern zum Teil beschlossenen Soforthilfen und -maßnahmen sind hier für viele existenziell. Sie kosten aber auch eine Menge Geld – zumal nicht abzusehen ist, wie lange und in welchem Ausmaß sich das Krisenszenario noch erstrecken wird.

Die Finanzkrise hat den deutschen Staat rund 60 Mrd. Euro gekostet. Die Corona-Krise wird wohl deutlich teurer. Die Sicherung der Wirtschaft – vom Soloselbstständigen bis hin zum Konzern – ist dabei kein Selbstzweck. Sie ist wichtig, um den Wirtschaftskreislauf am Leben zu halten und das Einkommen der Menschen zu sichern. Dabei mag es sich rächen, dass man mit der Niedrigzinspolitik der letzten Jahre die geldmarktpolitischen Mittel zur Förderung neuen Wirtschaftswachstums weitestgehend ausgeschöpft hat. 

Mindestens genauso wichtig wie die Unterstützung der Wirtschaft ist der soziale Ausgleich angesichts der Verwerfungen, zu denen es zweifelsohne kommen wird. Auch wenn Corona nicht zwischen sozialen und ökonomischen Unterschieden haltmacht, so wird es die Menschen unterschiedlich stark treffen. Umso stärker wird auch das Vertrauen in unser Gemeinwesen und letztlich in unsere Demokratie in Frage gestellt werden.

Auffallend laut ist angesichts der aktuellen Krise das Schweigen der AfD, die nichts zur Problemlösung beiträgt. Die Versuche, der Populisten die Ängste im Land weiter zu schüren, sind für das erste erfolglos geblieben. Im jüngsten Deutschlandtrend hat die Partei zwei Prozentpunkte verloren und hat den niedrigsten Zustimmungswert seit August 2017. Dies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nur darauf warten, die Unzufriedenheit, welche sich während und nach der Corona-Krise ergeben wird, zu instrumentalisieren.

„Charakter zeigt sich in der Krise“ – Dieses Zitat von Helmut Schmidt hat gerade auch heute nichts an Richtigkeit verloren. Es gilt, die Herausforderungen anzugehen, Maßnahmen zu ergreifen und Lösungen zu finden. Diese mögen einschneidend sein, vielleicht auch schmerzhaft. Aber sie müssen ergriffen werden. Für Populismus und taktische Spielchen ist jetzt der falsche Zeitpunkt. Dies gilt auch für die Bewältigung der Folgen der Corona-Krise. Dabei wird vor allem auch der Sozialdemokratie die verantwortungsvolle Aufgabe zukommen, die Balance zwischen wirtschaftlichem und sozialem Ausgleich einzufordern und zu gestalten. Beides ist wichtig, wenn der soziale Frieden in unserem Land gewahrt und in den letzten Jahren verlorengegangenes Vertrauen zurückgewonnen werden sollen.

Die Bewältigung der Corona-Krise wird dabei die Blaupause sein für die Frage, wie es uns gelingt, den fortschreitenden Klimawandel einzudämmen. Auch dieser ist eine globale Herausforderung und kostet Menschenleben. Die Corona-Krise zeigt uns wie verletzbar unsere Handelswege, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft ist. Der Klimawandel wird es ihr gleichtun. Vielleicht kann und muss eine Lehre aus der aktuellen Krise auch sein, bestimmte Dinge zu überdenken. Muss es immer größer, weiter, schneller und mehr sein? Oder braucht es Alternativen? Andere Wege. Wege des Ausgleichs.

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