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Die letzten Tage waren geprägt von mehreren schockierenden Gewalttaten – nicht nur, aber eben auch in Deutschland: Nizza, Würzburg-Heidingsfeld, München, Reutlingen, Ansbach, Berlin, Saint-Étienne-du-Rouvray. Die Taten, so unterschiedlich sie gewesen sind, machen auf erschreckende Art und Weise eines deutlich: Es kann wieder passieren. Es wird wieder passieren – und es kann überall passieren.

Entsprechend hektisch, verunsichert oder gar panisch reagiert die breite Öffentlichkeit. Gerüchte und Falschmeldungen verbreiten sich viral durch die sozialen Netzwerke und verstärken diesen Effekt. Die Medien verfallen in hektischen Aktionismus: eine Sondersendung jagt die nächste, Live-Ticker wollen bedient und befüllt sein. Mangels be­last­barer Informationen beginnen selbst seriöse Medien­dienste mit zum Teil wilden Spekulationen und Mutmaßungen. In der Folge heizt sich die gesell­schaft­liche De­batte weiter auf. Populisten fangen vor Erregung an zu sabbern, liefern diese Ereignisse doch genau jene Munition, welche sie zum Angriff auf unsere Gesellschaftsordnung benötigen. Nicht minder schrill äußern sich diejenigen, welche reflexartig den Populisten und Hetzern widersprechen. Schließlich die poli­tisch Verantwortlichen in den Landes- und der Bundesregierung, die sich getrieben von einer auf­ge­la­denen öffentlichen Stimmung bzw. Meinung genötigt sehen, darauf zu reagieren und Maß­nah­men zu ergreifen – was nicht immer, aber immer wieder, in ziellosem Handeln endet.

Alles scheint nach einem unsichtbaren Drehbuch abzulaufen. Fast jedeR nimmt dabei die für ihn vor­ge­sehene Rolle ein. Und bereits damit haben die Amokläufer und Attentäter gewonnen: Sie be­kom­men die ersehnte Beachtung, sie schüren Sorgen und Ängste, sie nehmen Einfluss auf gesellschaftliche Debatten und indirekt auch auf politische Entscheidungen – kurz: sie kommen ihrem Ziel, unsere gesellschaftliche Ordnung zu destabilisieren ein Stück näher.

Befeuert wird das Ganze dadurch, dass jedeR sofort eine Meinung hat und sei es nur, dass „Merkel schuld“ sei, an allem was aktuell in der Welt geschieht. Und mittels sozialer Netzwerke wird diese Meinung sofort weiterverbreitet, die vorhandene Verunsicherung verstärkt – und ganz nebenbei wird man so zum Handlanger derer, die Angst und Schrecken in unser Land bringen wollen. Bei der Bundeswehr muss ein Beschwerdeführer vor einer Eingabe eine „militärische Nacht“ ver­ge­hen lassen – dies soll verhindern, dass aus einer Stimmung oder einer akuten Situation heraus gehandelt oder überreagiert wird und man das Geschehene noch einmal überdenken kann.

Vielleicht sollten wir uns alle daran ein Beispiel nehmen und aktuell einmal „einen Gang“ zurückschalten. Dann bleibt festzustellen:

  • Vergessen wir die Opfer nicht! Wir neigen dazu, uns auf die Täter zu fokussieren – auf deren Hinter­gründe, Motive, Religions­zu­ge­hörigkeit, etc. – und übersehen dabei leicht die Opfer. Mit Dijamant, Armela, Can, Hüseyin, Sabina, Roberto, Sevda, Giuliano und Selcuk haben in München neun junge Menschen (übrigens alle mit Migrationshintergrund) ihr Leben lassen müssen. Sie wurden auf grausamste Art und Weise aus dem Leben und aus ihren Familien gerissen.
  • Danken wir unseren Sicherheitskräften! Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste haben in allen Einsatzlagen eine hervorragende Arbeit geleistet. Auch das Zusammenspiel zwischen hauptamt­lichen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern funktionierte, soweit man das von außen beurteilen kann, hervorragend. Dafür gebührt allen Beteiligten unser aufrichtiger Dank.
  • Schwarz-Weiß-Malerei bringt uns nicht weiter! Nach einem Anschlag wird allzu leicht (je nach politischem Standpunkt) unmittelbar von einem islamistischen oder rechtsextremistischen Hinter­grund ausgegangen – ohne eine gesicherte Informationslage abzuwarten. Ist eine Meinung dann erst­mal gebildet, lässt man sich diese – auch durch neue Erkenntnisse oder Fakten – nur ungern kaputtmachen.
  • Hetze und Stigmatisierung bringen uns nicht weiter! Die pauschale Verurteilung aller Muslime, Asylbewerber oder Ausländer in unserem Land ist kontraproduktiv. Sie wird der bisher erbrachten Integrationsleistung nicht gerecht, ist ein Schlag in das Gesicht hunderttausender gut integrierter MitbürgerInnen und trägt dazu bei, Ausgrenzung und Radikalisierung zu fördern.
  • Aktionismus bringt uns nicht weiter! Die Aussetzung des Asylrechts für Muslime, wie von AfD-Gauland gefordert, bringt genauso wenig, wie die Rufe nach stärkeren Grenzkontrollen oder dem Einsatz der Bundeswehr im Inneren. Auch eine „Reservistenarmee“ nach amerikanischem Vorbild hilft uns nicht weiter. Kontrollen helfen nicht gegen Menschen, die sich in unserem Land befinden und radikalisieren. Die Armee im Inneren einzusetzen, hilft – wenn überhaupt – nur dann, wenn bereits etwas passiert ist. Wenn wir die Sicherheit der Menschen im Land erhöhen wollen, werden wir das nicht mit einer Einschränkung von Grund- oder Freiheitsrechten (auch nicht des Asylrechts!) erreichen und auch nicht mit einer verstärkten „Law and order“-Politik. Da hilft weder die Verschärfung des Waffenrechts noch der beliebte Ruf nach einem Verbot von „Ego-Shootern“. Es wäre hilfreicher, in die (politische) Bildung zu investieren, in Sozialarbeiter, in Angebote der psychosozialen Versorgung für traumatisierte Menschen, und dergleichen mehr. Das kostet natürlich Geld – aber das kosten mehr Kontrollen und Sicherheitspersonal auch.
  • Bleiben wir gelassen! Unser Land ist heute nicht sicherer oder unsicherer als vor den erfolgten Gewalttaten. Die Wahr­schei­n­lichkeit, Opfer eines entsprechenden Anschlags zu werden, ist – bei aller drohender Gefahr – objektiv betrachtet, niedriger als bei einem Verkehrsunfall oder durch Alkohol oder andere Drogen ums Leben zu kommen. Die Wahrheit ist: Es gibt Terroristen. Diese werden immer wieder versuchen, Anschläge zu verüben. Damit müssen wir umgehen lernen. Wachsam, aber gelassen.

Von Marie von Ebner-Eschenbach stammt das Zitat „Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins.“ Dem schließe ich mich an.

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