Lesezeit: 3 Minuten

Die Losung für das neue Jahr lautet „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36). Es ist eine gute, eine starke Losung als Leitmotiv für das neue Kalenderjahr. Der Aufruf barmherzig zu sein, ist Forderung, Herausforderung, Anspruch und Appell gleichermaßen. Doch was ist damit gemeint?

Der Duden definiert „barmherzig“ wie folgt: „mitfühlend, mildtätig gegenüber Notleidenden; Verständnis für die Not anderer zei­gend“. Es ist im Grunde genommen ein Kontrapunkt zu dem, was ich in meinem Post vom 06. Dezember 2020 („Stille Nacht, schrille Nacht. Advent und Weihnachten in Zeiten der Pandemie“) als symptomatisch für zu viele Menschen in unserer Gesellschaft gesehen habe. Damals schrieb ich:

„Hasserfüllt und unbarmherzig hetzen diese Menschen in den sozialen Netzwerken. Gehässig und gemein treten sie denen gegenüber auf, die bereit sind, sich selbst zurückzunehmen, um andere in ihrem Umfeld zu schützen. Erbarmungslos und ungnädig wollen sie mit den Verantwortlichen ins Gericht gehen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Sie spalten die Gesellschaft, sie schüren den Unfrieden, gefährden unser demokratisches System. Sie verschließen sich dem Dialog und sind blind für Fakten und Argumente.“

In vielen Bereichen erleben wir nämlich tagtäglich genau das Gegenteil dessen, was Jesus fordert, wenn er sagt: Seid barmherzig. Das Klima in unserer Gesellschaft ist merklich rauer geworden. Angesichts der Herausforderungen, vor welchen wir stehen, sind wir allzu oft auf unseren eigenen Vorteil bedacht und verschließen uns vor der Not und dem Elend derer, die leiden. Egal, ob es sich dabei um Flüchtlinge oder Migranten handelt. Oder um Obdachlose. Oder Kinder, die in Armut aufwachsen. Oder Menschen, die trotz lebenslanger Arbeit im Alter in einfachsten Verhäl­tnis­sen leben müssen.

Dabei übersehen wir allzu oft, wie gut es uns mehrheitlich geht. Wie behütet wir doch unseren Alltag – trotz aller Probleme, die es natürlich gibt – durchleben dürfen. Und welches große Privileg das ist.

Seid barmherzig. Das ist der Aufruf, sich dies bewusst zu machen und eben nicht die Augen vor der Lebensrealität und der oftmals widrigen Situation anderer Menschen zu verschließen. In der Lutherbibel ist der Abschnitt aus dem die Losung stammt überschrieben mit „Vom Umgang mit dem Nächsten“. Es ist im Grunde genommen eine Anleitung zum richtigen Umgang miteinander. Quasi ein biblischer Knigge.

Und auf irgendeine Weise auch die Fortschreibung der Losung von 2019. Die lautete – ebenfalls als Appell: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34, 15). Mancher hat sich vielleicht gefragt, wie dieses Suchen nach Frieden konkret aussehen kann. Oder wie bzw. was man dazu als Einzelner beitragen kann. Der Aufruf, barmherzig zu sein, ist hier ein wichtiger Schritt. Sich mitfühlend zu zeigen mit dem Nächsten, also mit demjenigen, der einen in welcher Situation auch immer braucht, sich seiner anzunehmen, ihm zu helfen, das ist ein Schritt zum Frieden im Kleinen – und letztlich auch im Großen.

Das ist natürlich nicht einfach. Das kann eine echte Herausforderung sein. Und diese Heraus­forderung wird noch größer, wenn Jesus ergänzt „wie auch euer Vater barmherzig ist“. Es ist also nicht der Aufruf, sei mal ein bisschen mitfühlender, oder großzügiger, oder netter. Es geht um die Aufforderung, Gott in seiner Barmherzigkeit nachzueifern.

Ich wünsche uns allen, dass es uns zumindest im Ansatz gelingen möge, in diesem neuen Jahr diesem Appell nachzukommen. Ihn mit Leben zu füllen. Sich dabei nicht überfordert zu fühlen. Und dass jede und jeder von uns so ihren/seinen eigenen kleinen Beitrag zu einem besseren Mit­einander leisten kann. Gerade in der aktuellen Situation, in der uns die Corona-Pandemie vor große Herausforderungen stellt, wäre dies ein lohnendes Ziel.

In diesem Sinne wünsche ich ein frohes, glückliches, barmherziges und vor allem auch gesundes neues Jahr und alles Gute für 2021!

(Motiv: Verlag am Birnbach – Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen)

Was denken Sie darüber? Hier können Sie kommentieren...

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x