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Der erste große Aufreger  2020 in unserem Land war das umgedichtete Lied des WDR-Kinderchors, wel­ches Omas u.a. als „Umweltsau“ bezeichnet hat. Natürlich kann man da unterschiedlicher Meinung sein und das Ganze auch kritisch sehen. Der Shitstorm hat erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten lassen. Spontandemos, Bedrohungen bis hin zu Morddrohungen, größtmögliche Eskalation. Prompt machten Bilder die Runde von den Trümmerfrauen, welche das Land aufgebaut und den Kindern doch erst das Leben im Wohlstand ermöglicht haben.

Meine Oma war so eine Frau: Am Ende des Krieges aus der Heimat vertrieben. Mit nichts wieder von vorn begonnen. Im Bergwerk gearbeitet. Später in einer Spinnerei Akkordarbeit. Eine Frau, die immer angepackt und gearbeitet hat. Leider lebt sie heute nicht mehr.

Wenn die Kinder des WDR-Kinderchores von ihrer Oma singen, sind das nicht mehr die Großmütter der Kriegsgeneration. Es sind die Großeltern, welche bereits in den Wirtschaftswunderjahren groß geworden sind – mit anderen Möglichkeiten und anderem Konsumverhalten. Nach den Entbehrungen des Krieges und der Nachkriegsjahre wurden, nachdem die Grundbedürfnisse gedeckt waren, Möbel und Haushaltsgeräte bedeutsamer. Ab den 60er Jahren folgten Autoboom und Reisewelle. Deutschland wurde wirtschaftlich stark und wuchs – ebenso die Bevölkerung. Auch in den Konfektionsgrößen. Umweltschutz war kein Thema. Saurer Regen, Super-GAU, Waldsterben, Ozonloch, Klimawandel… alles das kam erst später. Diese Generation verfügt heute über eine Rente, welche höher ist als die ihrer Eltern und auch höher sein dürfte als die ihrer Kinder und Enkel. Das schlägt sich im Konsumverhalten nieder. Das ist nicht als Vorwurf gedacht. Es würde der Großelterngeneration auch nicht gerecht, welche ihren Kindern und uns Enkeln auch vieles erst ermöglicht hat. Aber sie trägt eben, wie alle anderen auch, zum stattfindenden Klimawandel bei. Und das darf auch Gegenstand von Satire sein.

Was mich erschreckt ist Folgendes:

  • Sobald jemand die Meinung des anderen nicht teilt, wird gepöbelt, gehetzt und gedroht bis hin zu Mordaufrufen. Das ist eine erschreckende, nicht hinzunehmende Verrohung des Diskurses.
  • Diejenigen, die sonst immer behaupten, man dürfe in diesem Land seine Meinung nicht mehr sagen und versuchen, ihre eigenen Feindbilder als „Satire“ zu tarnen, welche schließlich alles dürfe, empörten sich aktuell am stärksten.
  • Lautstärke ersetzt dabei Masse. Je lautstarker sich eine wie auch immer motivierte Minderheit (in den sozialen Netzwerken) äußert, umso mehr wird dies als Mehrheitsmeinung akzeptiert und darauf reagiert – bis hin zu Eingriffen in die Freiheit der Medien.
  • Die damit suggerierte Mehrheitsmeinung wird unreflektiert von anderen übernommen und damit tatsächlich erst mehrheitsfähig. Damit schaffen es Populisten bis weit in die Mitte der Gesellschaft zu wirken.

Als 2015/2016 die Geflüchteten Deutschland erreichten, meinte meine Oma: „Ich weiß nicht, wie das werden soll. Aber wir müssen diesen Menschen doch helfen. Ich weiß doch, wie es ist, wenn man fliehen muss. Wir waren damals auch nicht willkommen. … Der Unterschied ist, dass damals keiner was hatte, und wir gemeinsam die Ärmel hochkrempeln mussten. Heute geht es uns gut und die anderen haben nichts. Die Leute haben doch nur Angst, dass sie was abgeben müssen.“ Kluge Worte einer erfahrenen Frau.

Vermutlich hätten genau die Demonstranten, die vor dem WDR gegen das Satirelied demonstriert haben und auch heute wieder demonstrieren (darunter viele Anhänger der extremen Rechten), meine Oma in diesem Zusammenhang dann plötzlich als „schrullige Alte“ abgetan, die keine Ahnung hat.

Auch das scheint symptomatisch für unsere Zeit zu sein: Unterstützung gibt es nur noch dann, wenn es in die eigene Weltsicht passt oder zum Erreichen eigener Ziele dient – in diesem Fall der Stimmungsmache gegen die öffentlich-rechtlichen Medien.

Zusammenfassung
Die Reaktionen auf den Satirebeitrag des WDR sind überzogen. / Die besungene Generation ist bereits eine aus den Wirtschaftswunderjahren. / Der gesellschaftliche Diskurs verroht zusehends. / Unterstützung und Solidarität sind zunehmend abhängig von der eigenen Weltsicht.

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